Verstörung

Mal wieder völlig festgefahren in meiner eigenen Gedankenwelt. Kein Ausgang, nirgends. Jede Bewegung könnte das Problem verschlimmern, Stillstand ist angesagt. Total vereinnahmt vom allumfassenden Problem, bin ich selbst das Problem. Um da wieder raus zu kommen, müsste ich mich schon in Luft auflösen!

Oder ich müsste mich von den Annahmen, die zu der belastenden Konstellation geführt haben, lösen können. Noch allerdings bin ich fest davon überzeugt, dass diese Annahmen erstens der alleinigen Wahrheit entsprechen, also unumstößlich sind, und es zweitens absolut keine realistische Alternative gibt – zumindest nicht für mich!

Was mir hilft, ist ein irritierend neuer Denkanstoß. Ein Perspektivwechsel, bei dem meine bisherigen Annahmen nicht mehr greifen. Eine Verstörung, die es mir ermöglicht, meine Situation mit Distanz und aus radikal anderem Blickwinkel zu betrachten.

Ich stelle mir folgende Schreibaufgabe: Wenn ich nur noch einen Monat zu leben hätte, was würde ich unbedingt noch machen wollen? Welche Umstände würden schlagartig an Bedeutung verlieren? Was würde an Bedeutung gewinnen? Was würde ich am meisten bedauern, nicht mehr tun zu können?

Sofort gehe ich in Abwehrhaltung: Wie daneben ist das denn! Eine unfaire Aufgabe, denn nach einem Monat bin ich nicht tot, sondern muss die Konsequenzen meines Handelns tragen! Wenn ich jetzt zum Beispiel mich und meine Ressourcen verausgabe, weil ich sie angeblich bald nicht mehr brauche, dann habe ich in einem Monat ein noch viel größeres Problem!

Wirklich?

Ich formuliere aus der Annahme eine Fragestellung: Was passiert, wenn ich von dem, von dem ich meine, jetzt schon nicht genug zu haben, gar nichts mehr habe?

Darüber später schreibend reflektieren zu können, besänftigt mich nur ein kleines bisschen, denn mir fallen weitere Gegenargumente ein:

Ich kann doch jetzt, nur weil ich angeblich bald tot bin, bestimmte Dinge nicht einfach schleifen lassen. Dadurch vergrößern sich die Probleme nur noch mehr!

Wirklich?

Ich notiere die Fragestellung für später: Was passiert, wenn ich all das, wofür ich jetzt gerade keine Lösung weiß, einen Monat lang sich selbst überlasse?

Nachdem ich alle meine Einwände in Fragen umformuliert habe, koche ich mir einen Tee und mache mich an die Beantwortung der Ausgangsfrage. Interessanter Weise beantworte ich fast alle der anderen Fragen automatisch mit. Denen, die noch offen sind, widme ich mich in einer zweiten Schreibrunde.

Ich stelle fest: Ja, verstörende Aufgaben helfen mir, mein Gedankenknäuel zu entwirren und meine Angelegenheiten wieder separat voneinander betrachten zu können. Weil ich jedes Problemfeld einzeln untersuchen kann, fallen mir auch andere, von einander unabhängige Lösungen ein. Ich gewichte die Relevanz der Themen neu, trenne Wichtiges von Unwichtigem. Ich bin bereit, den Fokus auf das zu richten, was mir wirklich wichtig ist, und meine Ressourcen genau dafür einzusetzen.

Schreibanregung

Wenn du nur noch einen Monat zu leben hättest, was würdest du unbedingt noch machen wollen? Welche Umstände würden schlagartig an Bedeutung verlieren? Welche Angelegenheiten würden an Bedeutung gewinnen? Was würdest du am meisten bedauern, nicht mehr tun zu können? – Beantworte die Fragen schriftlich. Sollten sich Widerstände gegen die Aufgabe auftun, formuliere die Vorbehalte in Fragen um. Beantworte auch diese Fragen schriftlich. In einer abschließenden Schreibaufgabe werte aus, was du für dich schreibend erkannt hast. Viel Erfolg!

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