Sprücheklopfer

Will etwas schreiben, einfach nur so, zum Üben, aus Lust und Laune. Wie anfangen? Ich greife in meinen Zettelkasten und ziehe den ersten Spruch:

„Wer zwei Herren dient, muss bei einem lügen, um beim anderen ungestört zu liegen.“ – Ein interessanter Anfangssatz, denke ich und hole noch eine ganze Handvoll Sprüche aus dem Kasten. Während ich schreibe, entfalte ich nach und nach die Zettel und füge die Sätze in die Geschichte ein. Am Ende liest sich das so:

Wer zwei Herren dient, muss bei einem lügen, um beim anderen ungestört zu liegen. Leider ist auch dies nicht der Weisheit letzter Schluss, wieder einmal stehe ich im Hemd auf feuchtem Pflaster und sammle die Klamotten ein, die man mir von oben aus dem Fenster wirft. Mit dem Bündel unterm Arm schleiche ich aus dem Lichtkegel der Laterne, steige in die Jeans und richte mich halbwegs wieder her. Rechts und links in die Hände gespuckt, das Haar aus der Stirn und hinters Ohr gestrichen, dabei die Schuhe am rückwärtigen Hosenbein blank poliert und weiter geht´s, mich amüsieren, zwei neue Herren suchen.

„Heute ist das Glück recht groß, versuch es bloß!“, trällere ich und werfe dem Bettler meine letzten Münzen in den Hut. – „Entschuldigen Sie“, spreche ich einen Anzugträger an, „ich habe mein Gedächtnis verloren, würden Sie mir die Nacht im Hotel bezahlen?“ – Er bellt Unverständliches und dreht sich weg. -„Guten Tag“, sage ich und Niemand antwortet, doch ich kann ihn nicht hören. Ich hebe die Hand zum Gruß und Keiner geht vorbei.

Ein Schild über einem Lokal lockt mich heran: „Die Türen stehen dir offen und neue Perspektiven zeigen sich!“ – „Nimm die herzlichen Gesten von Freunden an“, erkläre ich der Wirtin, „ignoriere die schmerzlichen oder schleudere sie mit voller Kraft zurück!“ – Mein Reden ist vergebens, sie sagt, ich krieg nichts mehr. Ich schiebe das leere Schnapsglas bis an den Thekenrand und stupse mit dem Zeigefinger dagegen. Platschend fällt es ins Abwaschwasser. – „Nun aber raus!“ Die Chefin ballt die Fäuste. – „Den letzten beißen die Hunde“, maule ich und rutsche vom Hocker. – „Haste ne Fluppe für mich?“, frage ich den Typ an der Tür. – Er schüttelt den Kopf. „Bin Nichtraucher.“ Lacht mir ins Gesicht und zündet sich eine an.

Unten am Fluss wallt Nebel durch die Gassen. Ich streiche durch meine Haare und spüre, wie der Raureif darin knistert. Ich schaue ins Nichts und als ich hineintrete, falle ich ins Bodenlose, schlage Nirgendwo auf. Wenn du mich einmal verlässt, darf ich dann mit dir gehen? Um meinen Hals zu retten, schlage ich den Mantelkragen hoch. Die Hände vergrabe ich in den Hosentaschen, mögen sie dort in Frieden ruhen, und lausche dem Geplauder meiner Schuhe mit dem Kopfsteinpflaster.

„Sie sind voller Energie“, behaupten die Steine. – „Ihre Widersacher und Neider werden verstummen“, antworten die Schuhe. – „Eure Kommunikationsfähigkeit ist heute besonders ausgeprägt“, sage ich. – „Huh, huh!“, mischt sich der Nebel ein und wallt dichter um mich herum. „Nach Sonnenschein kommt Regen!“ – „Engarde!“ Ich mache einen Ausfallschritt, zerschneide mit unsichtbarem Schwert den Nebel in Fetzen. „Wer sich nicht wehrt, der lebt verkehrt!“

Ich wittere Morgenluft und werfe das Schwert in den Fluss, wo es auf kleinen Wellen glitzernd dem fahlen Sonnenaufgang entgegendümpelt. „Soll ich ein Bad nehmen, ein frühes?“ Fragend sehe ich die Schuhe an. Sie geben sich unentschlossen. „Abrakadabra! Ich hätte gern einen Topf voll Gold!“ Dreimal springe ich in die Luft, schließe die Augen und drehe mich mit ausgestreckten Armen einundzwanzigmal um mich selbst. „Neues Spiel, neues Glück!“ Ich öffne die Augen und folge der Hand, die nach Süden zeigt.

Schreibanregung

Sammle Redewendungen, Sprichwörter, Kalendersprüche, Glückskeks-Texte, Floskeln, etc. Schreibe die Sätze auf Zettel, die du anschließend zusammenfaltest und in ein Glas oder Kästchen wirfst. Wenn du soweit bist, ziehe drei bis sechs solcher Zettel und baue die Sätze in eine Geschichte ein. Tipp: Dieses Spiel kann auch in der Gruppe Spaß machen. Gemeinsam Sprüche sammeln, Lose ziehen, zwanzig bis dreißig Minuten schreiben und dann reihum vorlesen. Viel Vergnügen!

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