Ruhestand

Ein Brief flattert ins Haus: Ein Innerer Anteil beantragt, entlassen zu werden, meint, er hätte genug geschuftet und ich würde ihn auch gar nicht mehr brauchen, würde im Gegenteil ohne ihn viel besser fahren. Er hätte den Ruhestand mindestens so sehr verdient wie der Herr Direktor und sein Prokurist, schließt er.

Ich kann mir kein Bild von ihm machen, der Name sagt mir nichts. Also bitte ich ihn zum Gespräch und bin überrascht, als er zur Tür herein kommt. Der „Folterer“! Tatsächlich hatte ich ihn seit einiger Zeit gänzlich aus den Augen verloren. Er selbst nennt sich „Beschützer“.

Verhärmt sieht er aus, resigniert und abgekämpft, kann sich kaum noch auf den Beinen halten. Sein Job war es gewesen, dafür zu sorgen, dass ich die Erwartungen anderer erfüllte, selbst dann, wenn diese Erwartungen sich fundamental von dem unterschieden, was ich für mich selber wollte oder brauchte.

Jetzt also träumt er von einem sonnenbeschienenen Strand und sacht auslaufenden Wellen. Er plädiert für unbefristete Ferien in einem Penthouse am Meer. Dort will er Schnulzen und Familienserien gucken, jede Folge ein Happy End.

Ich zögere nicht, sage sofort ja, veranlasse alles Nötige und fühle mich sehr gut mit der Entscheidung. Mehr noch, ich nehme sie zum Anlass, die ganze Riege der Inneren Bewacher und Beschützer in Hinblick auf einen möglichen Pensionsanspruch in Augenschein zu nehmen.

Mehr als die Hälfte von ihnen mustere ich aus. Ihr kriegerisches Gebaren nimmt sowieso kaum noch jemand ernst, ihre Drohgebärden laufen ins Leere und Aggression als Strategie des Selbstschutzes gilt als längst überholt. Ich weise sie an, nur ihre wichtigsten Waffen noch zu behalten und sich in ihre Wohntürme zurückzuziehen, dort erst mal ein Bad zu nehmen, sich die Haare schneiden und die Bärte stutzen zu lassen, bequemere Kleidung anzuziehen und sich vielleicht zu parfümieren.

Den Ballast ihres Rüstzeugs, der Waffen, Kanonen, Mauern und Barrikaden, der Schilde und Panzer schmelze ich ein und errichte daraus eine hübsche, kleine Burg. Dort können sich die ehemaligen Hüter meiner Wünsche und Bedürfnisse ganz unter sich bei höfischen Ritterspielen vergnügen.

Kaum sind die Wächter entlassen und anderweitig beschäftigt, bekommt das, was sie zu beschützen hatten, mehr Raum, kann sich entfalten und blüht auf. Lange, das muss ich gestehen, machte ich es mir zu einfach und überließ den altgedienten Aufpasserinnen und Aufpassern die Entscheidungen. Jetzt verbinde ich mich in wichtigen Fragen immer öfter auch mit solchen Inneren Anteilen, die früher als zu verletzlich galten: der Liebe und Güte zum Beispiel.

Schreibanregung

Welche deiner Inneren Anteile haben ihre Aufgaben lang genug erfüllt, werden nicht mehr gebraucht oder sollen endlich von anderen Inneren Anteilen abgelöst werden? Was wünschen sich die ausgemusterten Inneren Anteile für ihren Ruhestand? Wie kannst du es ihnen auf ihre alten Tage so angenehm wie möglich machen? Welche Inneren Anteile haben nun mehr Raum? Finde schreibend heraus, wer zurücktreten muss, um wem das Coming-out zu erlauben? Viel Spaß!

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