Mein innerer Perfektionist und ich

Für meinen neuen Job muss ich in kurzer Zeit horrende Mengen an Fachwissen aufnehmen. All diese Informationen auf die Schnelle zu verarbeiten, so dass ich sie stets und umfassend parat habe, erweist sich als unmögliches Unterfangen. Verlangt auch niemand. Die erfreuliche Devise lautet: Learning by doing! Allein mein innerer Perfektionist leidet Höllenqualen.

Er besteht darauf, ich müsse auf alles eine Antwort haben. Und zwar die richtige! Und das sofort! Und immer! Sobald ich andere warten lasse, gar enttäusche oder etwa falsch berate, stirbt er tausend Tode. Am ganzen Leibe zitternd vor Anspannung hofft er inständig auf Erlösung, den rettenden Einfall, einen hilfreichen Zuruf, sogar der Weltuntergang wäre ihm recht, nur um nicht dumm dazustehen.

Er schimpft und zetert, treibt zum unaufhörlichen Lernen an und damit bald das ganze innere Team in Verzweiflung. Die ersten steigen bereits aus, widersetzen sich, rufen höhere Instanzen auf den Plan: Unternehmt jetzt bitte sofort etwas gegen diesen durchgeknallten Extremisten!

Ich weiß schon, was er für mich erreichen will, mein innerer Perfektionist: Wertschätzung, Wertschätzung und nochmals Wertschätzung. Seine Denke: Je perfekter, desto beliebter.

Das aktuelle Problem wie ich es sehe: Je unperfekter ich bin, desto mehr regt er sich auf und verursacht eine Hysterie, die bis nach außen dringt und mich ziemlich unbeliebt macht.

Zum Glück gibt es diesen sehr viel geschmeidigeren Anteil in mir, die Gelassene. Ihr Motto: In der Ruhe liegt die Kraft. Auch sie legt Wert auf Wertschätzung, meint allerdings, der Schlüssel dazu sei nicht so sehr Vollkommenheit als vielmehr unerschütterliche Liebenswürdigkeit.

Gern ist sie bereit, dem Perfektionisten für eine Weile zur Seite zu stehen, um ihm zu helfen, wieder in Balance zu kommen. Sobald er dazu ansetzt, sich bei einer Panne maßlos aufzuregen, zwinkert sie ihm lächelnd zu und lädt ihn ein, ein paar Mal tief durchzuatmen, während sie mit ihrem Charme im Außen die Situation entschärft. Die zwei gemeinsam sind ein echtes Dreamteam! Vielen Dank!

Meinen Perfektionisten an sich will ich bestimmt nicht missen. Ausgeglichen und in seinem Element wirkt er wunderbarer motivierend auf das ganze innere Team. Nach den ersten Wirren weckt er nun echtes Interesse, allmählich tiefer in die neue Materie einzusteigen, um bald auch knifflige Probleme zu lösen. Auf seine Weise sorgt er dafür, dass ich den nötigen Biss behalte und das ist gut so!

Schreibanregung

Hast auch du einen inneren Perfektionisten? Wie tickt er? Wofür hält er sich zuständig? Wie hättest du ihn gern? Schreibe das Porträt deines inneren Perfektionisten! Falls du ihn gern anders hättest, als er sich momentan gibt, überlege schreibend welcher innere Anteil für Ausgleich sorgen könnte? Gutes Gelingen!

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