Künstler

Die innere Künstlerin – leider nicht immer so herzlich begrüßt wie erhofft. Etlichen im Inneren Team ist sie ein Dorn im Auge. Sie gilt als Zeit- und Energieverschwenderin, als eine, die sich viel herausnimmt und wenig Brauchbares liefert. „Brauchbar“ im Sinne von: bringt Geld, Ruhm, Ehre, wenigstens Applaus. Ihr Schaffen aber taugt allenfalls zum Hobby, behaupten diese anderen Teammitglieder.

Die innere Künstlerin ihrerseits fühlt sich fürchterlich eingeengt von Vorgaben und Rahmendaten. Allein schon die Worte „Bürozeiten“, „Normierung“ oder „Altersvorsorge“ frustrieren sie ungemein. Sie wünscht sich endlos freie Zeit, ausgezeichnetes Werkzeug, jede Menge Platz und das alles und vor allem bedingungslos. Eine Garantie, dass das, was sie liefert, den Erwartungen entspricht, gibt sie nicht. Die innere Künstlerin kann und will sich nicht anpassen oder irgendwo integrieren. Sie muss aus dem Rahmen fallen, um kreativ zu sein.

Es gibt durchaus Teammitglieder, die sich bei passender Gelegenheit ganz gern mit ihr schmücken. Nur leider sind es dieselben, die sie bei anderer Gelegenheit hemmungslos verteufeln. Diese Teammitglieder heißen Ehrgeiz oder Eitelkeit und sind jene mit dem schier unstillbaren Verlangen nach Bewunderung, Liebe, Anerkennung und Erfolg. Immer wieder, so behaupten sie, kontakariert die innere Künstlerin ihre intensiven Bemühungen, gut dazustehen. Sie lässt alles im Chaos versinken, ist zu wichtigen Gelegenheiten nicht ansprechbar und liefert – wenn überhaupt – merkwürdige Dinge, die weder einzuordnen noch zu bewerten sind.

Während also die anderen die innere Künstlerin in ihrer Maßlosigkeit entsetzt betrachten, fühlt sie sich gerade besonders wohl, ist überschäumend, voller Ideen und Energie und ganz in ihrem Element. Sie kehrt das Unterste zu oberst, mischt Altes mit Neuem, bringt alles durcheinander. Was dabei herauskommt, ist nicht immer vorhersehbar. Und doch scheint sie genau zu wissen, was sie tut. Mit traumwandlerischer Sicherheit.

„Sie amüsiert sich köstlich und wir haben nichts davon!“, beschweren sich die anderen. „Sie raubt uns unsere Zeit, verpulvert unser Material und unsere Energie. Durch sie geraten wir in schlechtes Licht, gelten als exzentrisch, eigenbrötlerisch und nicht gesellschaftsfähig. Wir haben es mit ihr versucht, ihr eine kleine Ecke eingerichtet, doch sie verlangt immer mehr. Zum Glück haben wir es geschafft, sie in ihre Schranken zu weisen. Und da bleibt sie auch!“

Das war vor ein paar Monaten. Inzwischen sieht die Sache anders aus: Die neue Art-Direktorin hat sich für die Rehabilitierung der inneren Künstlerin eingesetzt und es geschafft, sie in der Mitte des Teams zu verankern. Es gelang ihr, die anderen Teammitglieder dazu zu bewegen, ihre Energien nicht mehr darauf zu verwenden, die innere Künstlerin möglichst klein zu halten, sondern deren Output für die Belange aller nutzbar zu machen. In ausführlichen Gesprächen überzeugte sie alle, dass nun statt des bisherigen Mottos, perfekt ins übliche Bild zu passen, Originalität und Einzigartigkeit die Markenzeichen sein sollen.

Ein spezielles Team sorgt seitdem dafür, dass die Ideen der inneren Künstlerin aufgegriffen und so umgesetzt werden, dass sie nicht völlig den Rahmen sprengen. Die innere Künstlerin bekommt, was sie sich wünscht, und wird gleichzeitig dabei unterstützt, sich nicht gänzlich und auf Kosten der anderen zu verausgaben. Ihre unkonventionelle Arbeitsweise und die nicht immer zielführenden Ergebnisse werden allseits akzeptiert.

Ausgerechnet bei der Akquise, dem Schreiben von Angeboten und Bewerbungen spielt die innere Künstlerin in jüngster Zeit eine herausragende Rolle. Das hätte sie sich selber gar nicht zugetraut, galt ihr dieses Metier doch als besonders beschränkt durch Vorgaben und Konventionen. Doch der Erfolg im Außen gibt ihr und der Art-Direktorin Recht: die neuen Angebote stoßen auf Resonanz, die Geschäfte ziehen an.

Inzwischen ermuntern immer mehr Teammitglieder die innere Künstlerin, doch bitte wieder aktiv zu werden und halten ihr ganze Wochenenden frei.

Die innere Künstlerin fühlt sich wohl in ihrer neuen Rolle. Sie darf Tüfteln und Basteln, vor sich hin murmeln, den Boden mit Zetteln und Schnipseln übersähen und wird auch noch gelobt dafür!

Schreibanregung

Wie steht es um deine innere Künstlerin? Darf sie sich frei entfalten? Welche Vorurteile werden ihr von anderen Teammitgliedern entgegen gebracht? Wo darf sie sich einbringen und wo soll sie sich besser raushalten? Gibt es Nachbesserungsbedarf, was ihre Position im Inneren Team betrifft? Wenn ja, mit welchen Interventionen kannst du vermitteln? Führe ein Interview mit deiner inneren Künstlerin! Frage sie nach ihrem Befinden und ihren Vorschlägen. Gute Unterhaltung!

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