Kleines Schreibretreat

„Die Gedankenfreiheit haben wir, jetzt brauchen wir nur noch Gedanken.“ Dieses nette geflügelte Wort spielt auf einen Zustand an, der sich gar nicht so nett anfühlt, wenn man mittendrin steckt.

„Wer ohne Begleitung spazieren geht, kommt in Begleitung vieler Gedanken zurück“, lautet ein anderes Sprichwort, dem ich einiges abgewinnen kann. Und dies wäre nicht mein Blog, wenn ich an dieser Stelle nicht das schreibende Spazierengehen meinen würde!

Und natürlich meine ich mit Gedanken nicht die lauten, das tägliche Geschäft und die To Do-Liste betreffenden oder sich unermüdlich um Vergangenes und Zukünftiges drehenden, sondern die leiseren, jene, die aus der Tiefe kommen und in die Tiefe gehen. Ich meine die innere Stimme, die Intuition, die Schaffenskraft, die Kreativität und die Idee. Ich meine das schreibende Flanieren und die Arbeit am Gedanken. Etwas, das in der Hektik des Alltags eher selten zu erfahren ist.

Also nehme ich mir die Zeit. Ich sorge dafür, ungestört zu bleiben, wenigstens für eine Weile, am liebsten für ein ganzes Wochenende. Nur für mich sein.

Am Freitagabend lasse ich das Wochenende beginnen und tue erst mal nichts. Das ist leichter gesagt als getan, denn noch bin ich voll im Erledigungsmodus. Also atmen. Atmen und ein bisschen dehnen, mich strecken und recken. Einen Tee zubereiten. Einen Tee trinken. Sitzen und meditieren. Die erste Schreibrunde: eine Stunde lang das Hirn leer schreiben. Durchlüften, eine Kerze anzünden, noch einmal sitzen und meditieren. Die zweite und letzte Schreibrunde für diesen Abend: eine Stunde lang aufschreiben, wie sich mein Körper anfühlt und was mein Körper fühlt. Dann gehe ich schlafen.

Am Samstag und Sonntag verrichte ich nur einfache Tätigkeiten und das ganz bewusst und sehr viel langsamer als sonst. Ich wasche mich, mache ein paar Dinge im Haushalt, koche und esse, trinke Tee, gehe spazieren und meditiere, ruhe mich aus. Den Takt aber geben die sich ausdehnenden Schreibrunden an.

Je nach Stimmung und Projekt wechselt intuitives mit reflektierendem Schreiben.

Arbeite ich an einem konkreten Projekt, mache ich zwischendurch immer wieder Notizen über das Geschriebene, über die Bedeutung und Relevanz und die daraus entstehenden weiterführenden Gedanken.

Habe ich noch kein konkretes Projekt, lasse ich meine Gedanken schreibend auf Wanderschaft gehen, bis mich ein Einfall derart inspiriert, dass ich ihn gesondert zu Papier und in Form bringe. Vielleicht bleibe ich für den Rest des Schreibretreats bei diesem Einfall. Oder aber ich kehre zu meiner Kladde zurück und schreibe weiter bis zur nächsten beflügelnden Idee.

Am Ende habe ich – je nachdem – mein konkretes Projekt vorangebracht, ein neues Projekt begonnen, einige inspirierende Einfälle und Ideen gefunden oder mich einfach nur gesammelt. In jedem Fall bin ich am Sonntagabend erfüllt von den Gedanken der leiseren und tiefer gehenden Art. Und ich weiß, sie werden mich lange begleiten. Mindestens bis zum nächsten kleinen Schreibretreat.

Schreibanregung

Nimm dir Zeit für dein kleines Schreibretreat. Nutze einen freien Tag oder ein freies Wochenende. Denke daran, dir genug Zeit zum Runter- und Ankommen zu lassen. Tu und erwarte erst mal nicht viel. Leere schreibend dein Hirn von Alltagsthemen, löse schreibend Verspannungen im Körper. Lasse dir noch mehr Zeit. Vielleicht sitzt du nur da und starrst Löcher in die Luft. Dann beginne mit den Schreibrunden. Wechsele ab und zu die Schreibhaltung. Übe dich im intuitiven und im reflektierendem Schreiben. Lasse keine Schreibrunde so lang werden, dass du darüber ermüdest. Bleibe wach und aufmerksam. Gehe an die frische Luft und trinke noch einen Tee. Beende dein kleines Schreibretreat mit einem wertschätzenden Abschlussschreiben und einer stillen Meditation. Ich wünsche dir gutes Gelingen!

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