Jetzt bin ich dran!

Manche Inneren Anteile benehmen sich wie Kleinkinder in der Trotzphase. Bekommen sie nicht, was sie wollen, werfen sie sich auf den Boden, trommeln mit den Fäusten und schreien sich die Lunge aus dem Hals. Mit ihrer Heftigkeit halten sie den Betrieb auf, legen das ganze System lahm. Was also tun, um sie zu beruhigen?

Man kennt das: Jegliche Form von Verbot, Abwehr, Verharmlosung oder sich gar Lustigmachen, bewirkt nur die Verstärkung des Schmerzes und damit der unwillkommenen Symptome. Das drängende Verlangen wächst ins Unermessliche, will sich jetzt erst recht Gehör verschaffen, will endlich und unbedingt ernst genommen werden.

Willkürliche Drohungen, Ablenkungsmanöver oder Vertröstungen können dem aufsässigen Inneren Anteil vielleicht auf die Schnelle den Wind aus den Segeln nehmen, nachhaltig aber ist das nicht. Früher oder später wird der Innere Anteil wieder auf sich aufmerksam machen und dabei wahrscheinlich eher noch rebellischer auftreten.

Für einen echten Ausgleich finde ich es ungemein hilfreich, dem Inneren Anteil mit seinem heftigen Bedürfnis in einer ersten Anhörung so viel Raum zu geben, wie er braucht. Allmählich kann er sich entspannen, die unbedingte und sofortige Dringlichkeit löst sich auf und wir kommen miteinander ins Gespräch.

Nun gilt es, um Vertrauen zu werben. Ein Vertrauen darauf, dass das unerfüllte Begehren verstanden und akzeptiert ist, dass es berücksichtigt und, wann immer möglich, auch erfüllt werden wird. Das sind keine leeren Versprechungen. Taten folgen. Umso mehr, je länger das Bedürfnis unerhört geblieben war.

Nicht jedes Verlangen kann oder will ich eins zu eins erfüllen. Aber ich kümmere mich darum. Ich sorge dafür, dass es in dem Maße und auf die Weise Befriedigung finden kann, in dem es zur Balance des ganzen Inneren Teams beiträgt.

Je öfter ich das tue, desto mehr Vertrauen ernte ich. Desto öfter trauen sich auch andere Innere Anteile mit ihren bislang unerfüllten Bedürfnissen hervor. Vielleicht sind manche dabei noch ungeschickt und benehmen sich wie trotzige Kleinkinder. Das ist in Ordnung. Denn die Inneren Anteilen, die lautstark für die Erfüllung ihrer Bedürfnisse kämpfen, sind mir sehr viel lieber, als die, die im Verborgenen hadern.

Diese ewig zu kurz Gekommenen, die klammheimlich in ihrem Nischendasein revoltieren, sind unberechenbar. Das Gift ihres klandestinen Protestes tröpfelt schleichend ins System. Bis ich die Ursache der Erschöpfung finde, kann es vielleicht zu spät sein, um größeren Schaden abzuwenden.

Deshalb, bitte, liebe Inneren Anteile, wenn ihr etwas auf dem Herzen habt: Vertraut mir und schreit so laut ihr könnt, damit ich mich um euch und eure Anliegen kümmern kann!

Schreibanregung

Hast du Innere Anteile, die dir Magenschmerzen bereiten? Die dich mit allerlei Wehwehchen traktieren, dich rücklings anfallen, dich piesacken und nachts nicht schlafen lassen? Sprich mit ihnen! Lasse sie schreibend zu Wort kommen. Schenke ihnen den Raum, den sie benötigen, um sich über alles auszulassen, was sie wütend macht oder bekümmert. Vielleicht brauchen sie nur einen Satz, vielleicht mehrere Tage oder Wochen bis alles aufgeschrieben ist. Dann kannst du mit ihnen in einen Dialog treten und schreibend klären, wie ihnen geholfen werden kann. Vielleicht beziehst du andere Innere Anteile mit ein? Achte auf die Balance im ganzen Team. Gute Besserung!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.