Dranbleiben

Geht es um einen sehr großen Berg an Arbeit oder die lange Strecke, verfalle ich zuweilen in merkwürdige Zahlenspielereien: Wenn ich jeden Tag zehn Seiten schreibe, rechne ich aus, schaffe ich dreihundert im Monat! Nun gut, jeden Tag wird das nicht klappen, aber an fünf Tagen in der Woche? Sagen wir, zweihundert Seiten im Monat? Oder sind zehn Seiten pro Tag dann doch etwas allzu optimistisch? Im Schnitt also eher fünf – macht immerhin hundert Seiten im Monat! Super: In drei Monaten bin ich fertig!

Irgendwie klappt es dann doch nicht. Nach drei Monaten bin ich nicht fertig, noch lange nicht. Zudem bin ich ziemlich frustriert. Bin enttäuscht von mir selbst, habe meine Ziele nicht erreicht, sie fast täglich verfehlt. Dabei bin ich wirklich erschöpft und frage mich, was das eigentlich alles noch soll? Der Gipfel scheint nicht näher, sondern in weitere Ferne gerückt zu sein! Ich gebe auf, kann nicht mehr, finde alles doof und will endlich mal wieder an etwas anderes denken!

Zum Glück versuche ich immer seltener, mir die Schnelligkeit im Erreichen meiner Ziele schön zu rechnen. Ich zähle zwar noch, veranschlage aber gut und gern das doppelte der errechneten Zeit. Meistens liege ich damit richtig.

Denn nicht alles ist vorhersehbar, erschwerende Umstände können hinzukommen: schwächelnde Gesundheit, Lärm, Stromausfall, Hitzewelle, Notruf von Freunden, eine neue Liebe. Ja, auch gute Nachrichten nehmen mich durchaus für eine Weile über Gebühr in Anspruch!

Nicht zu unterschätzen ist die Ermüdung auf langer Strecke. Für Ausgleichsport, gesunde Mahlzeiten, Inspiration, Zuspruch und Umarmungen zu sorgen – alles gehört im Grunde mit zur Schreibzeit.

Lieber sitze ich fit und für kürzere Zeit am Schreibtisch, als tagelang und ausgelaugt. Ich setze auf das Ritual der kleinen Schritte, schreibe selten mehr als vier Stunden am Stück, eher weniger. Ich versuche weder Doppelschichten noch Durchmärsche und sitze auch nicht nach, wenn es mal gar nicht vorwärts zu gehen scheint. Es ist wie es ist. Am nächsten Tag mache ich weiter.

Wichtig ist mir, meinen eigenen Rhythmus zu finden und diesen Rhythmus zu halten. Weniger Gedanken ans Fertigwerden zu verschwenden, als selbstverständlich meinem Tagewerk nachzugehen. So nähere ich mich stetig dem Gipfel, auch ohne ihn ständig anzustarren.

Schreibanregung

Finde deinen eigenen Schreibrhythmus! Probiere es aus: Wie viele Stunden am Stück arbeitest du wirklich leicht und konzentriert? Wann läuft es am besten: morgens, nachmittags oder abends? Liegt dir das tägliche Schreiben oder bevorzugst du zwischendurch schreibfreie Tage? Was meinen deine Liebsten dazu? Sei großzügig zu dir selbst: Verschaffe dir genug Zeitpuffer, indem du mehr Stunden für dein Projekt insgesamt veranschlagst, als du idealer Weise brauchst. Vertraue auf den Prozess, erledige dein Pensum, sorge für Ausgleich und Inspiration. Frohes Schaffen!

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