Die Kunst des Zögerns

Fast zu schön, um wahr zu sein? Und alles geht so schnell, dass ich kaum weiß, wie mir geschieht? Dann ist es an der Zeit für ein kurzes Innehalten, für eine Gelegenheit, mich aus dem Strudel der Ereignisse zu lösen, um mal wieder das Ganze in den Blick zu nehmen.

Die Wohltat der kleinen Atempause wirkt auch im umgekehrten Fall, wenn alles über und unter mir unglücklich zusammenzubrechen scheint: Besser, die sprichwörtliche Nacht darüber schlafen, als vorschnell in Panik zu verfallen.

Nicht immer habe ich mir eine solche Pause gegönnt, meinte einst, meinem Gegenüber und auch mir selbst unbedingt eine besonders schnelle Antwort schuldig zu sein. Nichts fürchtete ich mehr, als die Geduld der anderen übermäßig zu strapazieren, als Nervensäge, wenig enthusiastisch oder gar unentschlossen zu gelten. Zögern deutete ich als Schwäche.

Das Gegenteil ist, wie ich heute anzuerkennen weiß, der Fall.

Das kurze Zögern bewirkt Wunder. Deutlich zu bemerken in der Musik und auch in der Schauspielkunst. Ich erfahre es beim Tanz und natürlich im Gespräch. Ein Zögern weckt Aufmerksamkeit und Erwartung, betont das Kommende, stärkt die Verbindung, ja, überprüft die Verlässlichkeit der Verbindung.

Erst wenn aus einem gekonnten Zögern ein ermüdendes Zaudern wird, erlahmt mein Interesse. Die Aufmerksamkeit schweift woanders hin, Erwartungen verflüchtigen sich, der Kontakt reißt ab.

Ein Zögern der richtigen Länge aber, verschafft mir Raum für ein Resümee, ein Luft holen und Kraft schöpfen, ohne dass ich dadurch den Anschluss an die Ereignisse oder mein Gegenüber verliere. Im Gegenteil bewirke ich durch mein Zögern, dass sich die Konzentration noch mal erhöht.

Ob es dann der Gang zum stillen Örtchen ist, das Lüften des Raumes oder das Trinken eines Schluck Wassers, ob ich um Bedenkzeit und Vertagung bitte oder eine Runde um den Block drehe: Sobald die Hektik des Geschehens für den Moment zum Stillstand kommt, verschaffe ich mir einen Überblick über das Blatt, das ich in den Händen halte. Während die anderen warten, wiege ich die Möglichkeiten gegeneinander ab, treffe meine Entscheidung und spiele erst danach in Ruhe meine Karten aus.

Als Mittel des Zögerns gibt es für mich kaum etwas Entspannenderes und zugleich Effektiveres als das Schreiben. Mit meiner Kladde ziehe ich mich an einen ruhigen Ort zurück und schreibe auf, was mir durch Kopf, Herz und Bauch geht. Das ist meine kleine Schreib-Auszeit für Zwischendurch, ein kurzes Verweilen, bevor ich mich wieder ins Getümmel stürze.

Schreibanregung

Bei welchen Gelegenheiten könntest du eine kurze Atempause gut gebrauchen? Welche Zusagen liegen dir im Nachhinein schwer im Magen? Bei welchen schnellen Entscheidungen hast du das „Kleingedruckte“ übersehen? An welchen Punkten bist du dir selbst gegenüber allzu ungeduldig? Etabliere für dich die Kunst des schreibenden Zögerns. Wenn etwas Neues auf dich zukommt, schreibe auf, was ansteht und wie es dir damit geht. Wäge schreibend ab, was sich aus welchem Verhalten ergeben könnte, und wie du dich damit jeweils fühlen würdest. Dann triff schreibend deine Wahl. Wünsche gutes Gelingen!

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