Die Arbeitskladde

Wenn ich mich dabei ertappe, statt zu schreiben, nur noch Sätze hin und her zu schieben, Worte immer wieder umzustellen oder auszutauschen, dann ist es an der Zeit, inne zu halten und Abstand zu gewinnen: Was ist los?

Warum geht es nicht weiter? Irgendetwas stimmt nicht, aber was? Ich bin ratlos und auch ungeduldig, will wieder in Fluss kommen, mag keine Störungen, habe nicht viel Zeit. Aber es bleibt dabei, etwas anderes als Sätze umzustellen, fällt mir nicht ein. Ich stecke fest.

Ich hole meine Arbeitskladde heraus und schreibe auf, wie es mir geht. Dass mich irgendetwas an meinem Text nervös macht. Dass es sich nicht mehr stimmig anfühlt, irgendwie in die falsche Richtung läuft. Was habe ich übersehen? Wo bin ich falsch abgebogen? Ich schreibe noch einmal auf, worum es mir in der Geschichte eigentlich geht. Und schon gerate ich ins Stocken. Irgendwie ist es mir entfallen? Oder etwas Neues schiebt sich davor? Das ist interessant.

Wenn ich noch einmal ganz von vorn anfangen könnte, wie würde ich beginnen? Welche Geschichte würde ich jetzt gerade am liebsten schreiben wollen? Was davon spielt in meinen Text mit hinein, berührt ihn irgendwie, hat irgendetwas damit zu tun? Aber ich kann doch jetzt nicht alles umschreiben! Will ich auch gar nicht. Ich will mich nur inspirieren.

Also schreibe ich auf, was wäre, wenn … Wenn meine Hauptperson etwas oder sehr viel anders wäre? Die Geschichte an einem anderen Ort, zu einer anderen Zeit spielen würde? Wenn die Hauptperson anderen Menschen begegnen würde, andere Eltern gehabt hätte? Wenn sie sehr viel taffer wäre oder schüchterner?

Bald komme ich drauf, dass mir die Geschichte zerfasert ist, weil ich den Finger nicht präzise genug in die Wunde gelegt habe. Dass der Text zu banal daher kommt, weil ich beim Schreiben nicht mehr sicher war, was genau ich eigentlich erzählen will. Dass die Figuren dementsprechend viel zu lange um den heißen Brei herum reden und das ist wenig interessant.

Das lässt sich ändern. Statt weiter Sätze hin und her zu schieben, nehme ich mir die Zeit, in meiner Arbeitskladde ein paar der kommenden Passagen stichwortartig zu notieren. Ich experimentiere mit den Haltungen und Verhaltensweisen der Figuren, probiere Dialoge aus, ändere das Setting. Das mache ich so lange, bis die Geschichte wieder stimmig ist. Vor allem: Bis sie sich für mich wieder stimmig anfühlt.

Schreibanregung

Führe neben der Arbeit an deinem Text eine begleitende Kladde. Dort hinein kommen Einfälle zum Stoff, zur Anordnung des Stoffes und natürlich zu der Idee, die das Ganze zusammenhält. Bevor du mit der Arbeit am Text beginnst, kannst du dich in deiner Kladde darauf einstimmen. Wenn du deine Arbeit beendest, kannst du darin noch rasch notieren, wie es weiter gehen soll. Wenn du mal keine Zeit für die Arbeit am Text hast, kannst du in deiner Kladde trotzdem am Ball bleiben. Und falls du mitten in der Arbeit ins Stocken gerätst, ist die Kladde genau der richtige Ort, um darüber zu klagen und zu jammern und dann nach Lösungen zu suchen, neue Richtungen einzuschlagen und allmählich wieder in Fluss zu kommen.

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