Das richtige Leben

Es gab eine Zeit, da glaubte ich, mein richtiges Leben fängt erst an, wenn ich es geschafft habe. Wenn ich das Examen geschafft habe, dann werde ich … Wenn ich einen Partner gefunden habe, dann kann ich … Wenn ich einen Bestseller veröffentlicht habe, dann bin ich …

Manchmal habe ich das, was ich mir vorgenommen hatte, sogar erreicht. Doch leider fühlte sich das Leben danach trotzdem nicht so rund an, wie ich es mir vorgestellt hatte. War es das falsche Ziel gewesen? Ich suchte mir ein neues Ziel und hoffte, dass sich danach mein Leben endlich und eindeutig zum Positiven wandeln würde. Was nicht geschah. Die Belohnung für meine Mühen blieb aus.

Mit Schrecken stellte ich irgendwann fest, dass ich, wenn ich so weiter machte, das richtige Leben womöglich gänzlich verpasste. Was also tun? Und was war das überhaupt, das „richtige“ Leben?

Ich hatte gedacht, sobald ich mein Ziel erreichte, ergäbe sich das richtige Leben quasi automatisch und von selbst. Es käme zum Beispiel jemand auf mich zu, stellte ich mir vor, und erklärte, wie es nun weiterginge, mit dem Leben. Es kam aber keiner.

Auch die nächsten Schritte musste ich allein gehen, wusste jedoch nicht, wie diese aussehen sollten, war auf das Ziel fixiert gewesen, hatte alles andere ausgeblendet. Oben auf dem Gipfel, erblickte ich nichts anderes als weitere Gipfel. Die Wege dorthin erkannte ich ebenso wenig wie die Täler dazwischen.

Allmählich dämmerte mir, dass sich das richtige Leben in den Tälern befinden könnte. In den Tälern und an den Hängen, die mal aufwärts und mal abwärts führten. Nur oben auf den Gipfeln, da war es gerade eher nicht. Oben auf den Gipfeln befanden sich die Ausnahmen. Von oben aus ging es erst mal nicht weiter. Er sei denn ich ging abwärts.

Ein paar Jahre lang erkundete ich die Täler, um herauszufinden, was das richtige Leben sein könnte. Ich fand Orte voller Harmonie und Orte in großer Unruhe. Ich fand Menschen, die ich liebte und Menschen, die ich fürchtete. Ich fand Dinge, die mich faszinierten, irritierten, erschreckten und erfreuten. Vor allem aber fand ich die Gleichzeitigkeit des Möglichen und den Reichtum der Vielfalt.

Als ich eines Tages wieder einen steilen Berg besteige, sehe ich weit mehr als nur den Gipfel vor und über mir. Meine Sinne bleiben offen, ich nehme alles wahr, was sich um mich herum befindet. Ich wähne mich nicht mehr allein und mache Rast, wann immer es sich anbietet. Ich verfolge auch Wege, die sich ungeplant auftun und mir interessant erscheinen, ohne zu wissen, ob sie sich als Abkürzung, Umweg oder Sackgasse erweisen.

Vielleicht erreiche ich den Gipfel auf diese Weise erst sehr spät oder sogar nie. Aber das ist nicht wichtig, denn der Gipfel an sich ist nicht das Ziel.

Schreibanregung

Hast du bestimmte Ziele, Träume oder Wünsche, von denen du glaubst, sie würden dein Leben verändern, sobald sie sich erfüllten? Schreibe doch mal auf, wie genau sich dein Leben danach verändern würde. Sei ganz konkret und schreibe mit allen Sinnen. Was würde sich verändern, wenn sich deine Wünsche erfüllen und wie fühlt sich das an? Wie veränderst du dich? Und dann überlege schreibend, ob und was davon du schon jetzt in dein Leben holen kannst, noch während du unterwegs zu deinen Zielen bist. Viel Spaß dabei!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.