Das hässliche Entlein

Grob zusammengefasst geht das Märchen von Hans Christian Andersen so: Eine Entenmutter brütet sechs Eier aus. Das siebte Ei ist größer als die anderen und es dauert länger, bis endlich auch das letzte Küken schlüpft. Leider ist es grau und hässlich und erweist sich zudem als tollpatschig. Weil die anderen es meiden und verspotten, läuft es davon. Eine Bäuerin fängt es ein, es kann fliehen, friert im See fest, ein Bauer befreit es und bringt es durch den Winter. Im Frühling dann sieht das „hässliche Entlein“ staunend sein Spiegelbild im Wasser: Es ist zu einem schönen, weißen Schwan geworden!

Ich liebte diese Geschichte und doch wollte ich kein Schwan sein. Ein Schwan zu sein, erschien mir unheimlich. Einen Schwan dachte ich mir exponiert und angreifbar, das „hässliche Entlein“ dagegen unauffällig und leicht zu übersehen. Es konnte sich gut im Hintergrund halten und diese Vorstellung gefiel mir. Ein Schwan werden, wollte ich vielleicht irgendwann auch einmal, aber die Verwandlung sollte dann jedenfalls länger dauern als nur einen Winter. In die Rolle des Schwans wollte ich, wenn überhaupt, sehr gründlich hineinwachsen, nichts schien mir peinlicher, als wenn ich mich groß aufplusterte, dabei die schönen, weißen Deckfedern verlor und darunter wieder die grauen Daunen zum Vorschein kämen.

Als Schwan müsste ich, so stellte ich mir vor, permanent meine Ehre und das Revier verteidigen und ich hätte viele Neider. Als „hässliches Entlein“ werde ich zwar verspottet, aber manchmal auch gehätschelt. Niemand versucht mich zum Kräftemessen herauszufordern und sogar wenn ich häufiger Mal gegen den Strom schwimme, fällt das nicht weiter auf. Mach das als Schwan! Entweder du wirst gelyncht oder du setzt eine neue Modewelle in Gang. Unkommentiert bleibt es jedenfalls nicht, meinte ich zu wissen.

Obwohl ich kein Schwan sein wollte, gefiel mir das Märchen vom „hässlichen Entlein“. Suggerierte die Geschichte doch, dass ich letztlich auf jeden Fall ein Schwan sein würde. Getrost durfte ich die Vorteile des „hässlichen Entleins“ genießen, ohne wirklich etwas zu verpassen. Ich konnte so tun, als würde ich immer das „hässliche Entlein“ bleiben, während ich mich unter dem Schutz der grauen Daunen ganz unauffällig und vor allem auch unaufhaltsam zum schönen Schwan verwandelte. Alle Missgeschicke, die mir während dieses heimlichen Reifungsprozesses passierten, konnte ich, statt als Schwan dazu Stellung beziehen zu müssen, dem „hässlichen Entlein“ zuschreiben. Sehr praktisch, dachte ich und wunderte mich Jahre später, warum mein Gefieder einfach nicht weiß werden wollte.

Schreibanregung

Führe schriftliche Interviews mit dem Anteil in dir, der es bevorzugt, ein „hässliches Entlein“ zu bleiben, und mit dem Anteil in dir, der damit liebäugelt ein Schwan zu sein. Welches Ziel streben beide für sich an? Welche Bedürfnisse möchten sie sich erfüllen? Welche Eigenschaften und Verhaltensweisen spielen für sie dabei eine Rolle? Du kannst einen Dialog schreiben und beide miteinander klären lassen, ob, wann, wie und unter welchen Umständen eine Veränderung möglich ist. Viel Spaß!

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