Aufgeräumt

Alle Teile haben ihren Platz in meiner Wohnung und zusammen erzählen sie meine Geschichte. Jedes Ausmisten, jeder Umbau, jede größere Putzorgie ist somit auch ein Paradigmenwechsel, der neue Akzente und andere Prioritäten setzt. Aufräumen bedeutet Entscheidung: Was passt noch und was passt nicht mehr? Aufräumen gibt Antwort auf die Frage: Wer bin ich heute?

Zum Beispiel mein Kleiderschrank. Er quillt über und dennoch bin ich überzeugt, nicht genug Sachen zum Anziehen zu haben. Unansehnliches, farbloses Zeug verstopft die Regale und verbaut den Blick auf das, was vielleicht noch tragbar wäre. Höchste Zeit, hier mal gründlich auszumisten.

Ich hole die Klamotten aus den Regalen und räume die Kleiderstange ab, lege alles auf das Bett. Dann mache ich mich ans Prüfen und Sortieren. Vor dem Spiegel ziehe ich die Sachen an, begutachte mich darin von allen Seiten.

Schockierend, wie unförmig manch altes Lieblingsteil bei Licht betrachtet inzwischen aussieht. Die gehören nun definitiv in den Altkleidersack. Erfreulich dagegen, wie vorteilhaft ein eigentlich schon aufgegebener Rock doch noch wirkt. Überraschend gut lässt sich auch die jüngst erworbene Bluse mit einer im hinteren Teil des Schrankes vergessenen Hose kombinieren. Aber diese grüne Jacke, die war definitiv ein Fehlkauf, weg damit.

Ich stoße auf Stücke mit Vergangenheit und vor dem Spiegel entspinnen sich intensivere innere Zwiegespräche: „Dieses Kleid trug ich damals, du weißt schon wann. Und dieses hier, das hat mir A. geschenkt!“ – „Ja, aber die Kleider stehen dir nicht mehr und sind längst nicht mehr dein Stil.“ – „Vielleicht kann ich sie ändern lassen, sie kürzen, umfärben, enger machen?“ – „Wirf sie einfach weg.“ – „Ich kann nicht.“ – „Natürlich kannst du.“ – „Ach, ich lege sie besser erst mal auf die Seite und entscheide später.“

Mindestens ebenso lange innere Dialoge provozieren Kleidungsstücke, die einen neuen Trend markieren könnten: „Also das hier, das ist dann wohl doch ein wenig zu, nun ja, figurbetont.“ – „Ist aber schicker, als die formlosen Dinger, die du sonst so trägst.“ – „Also, ich weiß nicht. Da muss ich ja ständig aufpassen, wie ich mich hinsetze oder bewege.“ – „Gib dich ruhig mal ein bisschen sexy.“ – „Ich will aber nicht sexy sein.“ – „Wieso denn nicht?“

Deshalb ist Ausmisten so anstrengend und in der Regel nichts, was ich mal kurz nebenbei und auf die Schnelle erledige. Mein Ich manifestiert sich auch in den Dingen, die es um sich herum anhäuft. Das Angesammelte loszulassen markiert eher das Ende eines längeren Prozesses. Obwohl es durchaus auch ein spontaner Neubeginn sein und somit Zeichen setzen kann. Eine Entscheidung zur Veränderung ist es allemal.

Schreibanregung

Bewege dich schreibend durch deine Wohnung und überlege, was dir gut gefällt und was du gern anders hättest. Was erzählen deine Lieblingsdinge über dich? Was erzählen die Dinge, die du loswerden willst, über dich? Von welchen Dingen, die dir eigentlich nicht mehr passend erscheinen, kannst du dich nur schwer oder noch nicht trennen? Warum ist das so? Wenn es etwas gibt, das du in deiner Wohnung gern verändern würdest, wie sollte es werden? Soll es farbenfroher, ordentlicher, praktischer, offener, größer, moderner, kuscheliger sein? Wie könntest du dir diese Wünsche auch ohne große Umbauten erfüllen? Gutes Gelingen!

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